Mit Story-telling-Quality überzeugen
von Gerhard und Oliver Reichel vom Institut für Rhetorik, Forchheim
Können Sie so fesselnd erzählen, dass andere gebannt an Ihren Lippen
hängen und alle Gespräche um Sie herum verstummen? Es gibt
Menschen, die beherrschen diese Kunst. Sie verstehen es, Alltägliches
so darzustellen, dass es uns fesselt.
Denn die meisten Menschen lesen oder hören gerne Geschichten. Sie sind
unterhaltend und regen zum Nachdenken an, ohne mit erhobenem
Zeigefinger belehrend zu wirken. Alle geistlichen Lehrer der Menschheit,
wie z.B. Buddha oder Jesus, haben das erkannt und mit Geschichten,
Beispielen und Gleichnissen den inneren Widerstand ihrer Zuhörer
überwunden. Sie wussten: von den Worten "Es war einmal..." geht ein
Zauber aus, dem sich die wenigsten Menschen entziehen können.
Wer in Reden und Gesprächen überzeugen will, muss
"Story-telling - quality" demonstrieren, d. h., er muss gut
Geschichten erzählen können. Alle großen Redner waren gute
Geschichtenerzähler. Geschichten, Beispiele oder auch persönliche
Erlebnisse besitzen einen hohen Unterhaltungswert, haben einen hohen
Erinnerungswert und machen komplizierte Inhalte anschaulich. Schon in
der römischen Antike hat Cicero gefordert, dass ein guter Vortrag drei
Bedingungen erfüllen muss. Er soll die Zuhörer:
1. docere, d.h. Wissen vermitteln
2. movere, d.h. motivieren
3. delectare, d.h. unterhalten.
Was glauben sie wohl, welche dieser drei Bedingungen in der Praxis bei
den meisten Reden zu kurz kommt? Stimmt! Die Unterhaltung. Die
meisten Menschen lassen sich aber nun mal viel lieber unterhalten als
belehren. Auf Belehrungen reagieren sie mit Furcht und Feindseligkeit.
Der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson hat Recht, wenn er
behauptet: „Es ist ein Beweis hoher Bildung, die größten Dinge auf
einfachste Art zu sagen“. Folgende Auswahl kleiner Tier-Geschichten
können Sie
-in Motivationsreden und Referate einbauen,
-als wirkungsvolle Aufhänger für Meetings und Konferenzen nutzen,
-Reden und kleine Ansprachen in privatem Kreis unterhaltsam und pfiffig gestalten,
-Briefe lebendiger schreiben.
1. Klara, das Huhn
Es war einmal ein Huhn, Klara genannt, das lief aufgeregt gackernd an
einem Zaun entlang. Klara wollte gerne zu dem Futter, das auf der
anderen Seite lag. Sie versuchte alles Mögliche: Sie probierte über den
Zaun zu fliegen, aber der war zu hoch. Sie rannte gegen den Zaun, sie
suchte eine Lücke. Alles vergeblich. Klara machte nur einen kleinen, aber
entscheidenden Fehler: Sie entfernte sich nur so weit vom Futter, dass
sie es noch im Auge behalten konnte. Und so wird sie niemals bemerken,
dass der Zaun nur zehn Meter lang ist und sie am Ende mühelos auf die
andere Seite gelangen könnte. Klara wird verhungern.
2. Das Kamel und die Ameise
Einmal weidete ein Kamel in der Steppe und sah im Gras zu seinen Füßen
eine winzige kleine Ameise. Die kleine Ameise schleppte einen großen
Halm, zehnmal größer als sie selbst war. Das Kamel sah ihr eine Weile
zu, wie sie sich abschleppte, und meinte dann: "Je länger ich dir
zuschaue, desto mehr bewundere ich dich. Du schleppst, als wäre das
gar nichts, ein Stroh-halm, zehnmal größer als du selbst bist. Und ich
knicke schon unter einem einzigen Sack ein. Wie kommt das?“ „Wie das
kommt?“, meinte die Ameise und hielt eine Weile inne. „Es ist, weil ich für
mich selbst arbeite und du für deinen Herrn!“
3. Die Schaulustigen und der Elefant
Man hatte einen Elefanten zur Ausstellung bei Nacht in einen dunklen
Raum gebracht. Die Menschen strömten in Scharen herbei. Da es dunkel
war, konnten die Besucher den Elefanten nicht sehen, und so versuchten
sie, seine Gestalt durch Betasten zu erfassen. Da der Elefant groß war,
konnte jeder Besucher nur einen Teil des Tieres greifen und es nach
seinem Tastbefund beschreiben. Einer der Besucher, der ein Bein des
Elefanten erwischt hatte, erklärte: „Der Elefant sieht aus wie eine starke
Säule.“ Für einen zweiten, der die Stoßzähne berührte, war klar: „Der
Elefant hat die Form eines spitzen Gegenstandes.“ Ein dritter, der das Ohr
des Tieres ergriff, behauptete: „Der Elefant ist eine Art Fächer.“ Mit
gleicher Überzeugung aber meinte der vierte, der über den Rücken des
Elefanten strich, dass der Elefant so gerade und flach sei wie eine Liege.
4. Das fliegende Pferd
Im alten Indien verurteilte ein König einen Mann zum Tode. Der Mann bat
den König, das Urteil aufzuheben, und fügte hinzu: „Wenn der König
gnädig ist und mein Leben schont, werde ich seinem Pferd innerhalb
eines Jahres das Fliegen beibringen.“ „Es sei“, sagte der König, „aber
wenn das Pferd in dieser Zeit nicht fliegen lernt, wirst du dein Leben
verlieren.“ Als seine Familie voll Sorge den Mann später fragte, wie er
sein Versprechen einlösen wolle, sagte er: „Im Lauf eines Jahres kann
der König sterben. Oder das Pferd kann sterben, oder es kann fliegen
lernen. Wer weiß das schon?“
5. Der schlaue Bettler
An Markttagen stand der Mullah Nasrudin häufig auf der Straße und
machte sich zum Narren. So oft ihm Leute ein großes oder ein kleines
Geldstück anboten, nahm er stets das kleinere.
Eines Tages sprach ein wohlmeinender Mann zu ihm: "Mullah, warum
nimmst du nicht die größere Münze? Du besitzt dann doch viel mehr Geld
und die Leute haben nicht länger Gelegenheit, sich über dich lustig zu
machen."
"Das mag stimmen", gab ihm Nasrudin zur Antwort. "Aber wenn ich stets
die größere Münze nehme, werden die Leute aufhören, mir Geld zu
geben. Denn sie tun es ja nur, um zu beweisen, dass ich verrückter bin
als sie. Und dann würde ich überhaupt kein Geld mehr haben."
6. Angst vor dem Ertrinken
Der Meister hatte mit seinen jungen Schülern einen Ausflug gemacht.
Zur Rast setzen sie sich an das Ufer eines Flusses, das steil hinab ging.
Einer der Schüler fragte: "Sag Herr, wenn ich nun abrutschen würde und
in den Fluss falle, müsste ich dann ertrinken?"
"Nein" antwortete der Meister "Du ertrinkst nicht, wenn du in den Fluss
fällst - du ertrinkst nur dann, wenn du drin bleibst."
7. Begrenzter Horizont
Ein Schmetterling hat sich in ein Zimmer verirrt.
Unermüdlich stößt er im Fluge gegen die Fensterscheiben, immer von
neuem, bis er ermattet auf die Fensterbank fällt.
Dann rappelt er sich wieder auf, und da in seiner Vorstellungswelt
Fensterscheiben nicht vorkommen, stößt er weiter mit dem Kopf dagegen.
Er merkt nicht, dass dicht daneben die Balkontür offen steht.
8. Der freigebige Zen-Meister
Hoch oben in den Bergen lebte ein Zen-Meister in seiner bescheidenen
Hütte. Eines Nachts brach ein Dieb ein und durchwühlte die Wohnstätte
des Meisters. Er konnte aber nichts Lohnendes finden.
Als der Meister von seiner nächtlichen Wanderung zurückkam und den
Einbrecher überraschte, sah er das enttäuschte Gesicht des Diebes.
Darauf sagte er: "Der Weg hier hinauf zu mir war lang und beschwerlich.
Ich will dich nicht mit leeren Händen gehen lassen. Deshalb schenke ich
dir meine Kleider."
Der Dieb war verblüfft, ergriff aber hektisch die Kleider des Meisters und
rannte Hals über Kopf davon.
Nackt setzte sich der Meister vor seine Hütte und schaute in den
sternklaren Himmel hinauf. "Der arme Mensch. Ich bedauere, dass ich
ihm diesen wunderschönen Mond nicht schenken kann."
9. Zwei kanadische Holzfäller
Zwei kanadische Holzfäller waren abends am Lagerfeuer eingeschlafen.
Plötzlich hörten sie ein Knacken aus dem nahen Unterholz und sahen, wie
sich ein Bär in raschem Lauf näherte.
Da begann der eine von den beiden in Windeseile seine Laufschuhe zu
schnüren.
"Warum schnürst du deine Schuhe?" jammerte der andere, "wir haben ja
doch keine Chance, dem Bären davonzulaufen."
"Will ich doch gar nicht", gab ihm dieser zur Antwort, "ich will nur schneller
sein als du."
10. Fusion
Es war einmal ein Huhn, das hatte eines Tages einen glänzenden Einfall:
"Lass uns zusammenarbeiten", sagte es zum Schwein. "Gemeinsam erreicht man mehr."
"Meinetwegen ", grunzte das Schwein, "und wie soll das aussehen?"
"Ganz einfach: wir fusionieren und erzeugen gemeinsam ham and eggs.
Ich liefere die Eier und du den Schinken."
Das Schwein denkt lange nach.
Schließlich meint es: "Die Idee ist im Prinzip wirklich gut, aber... dabei
gehe ich ja drauf!"
"Nun ja", erwiderte das Huhn, "das haben Fusionen nun mal so an sich."
11. Das goldene Ei
Es war einmal ein armer Bauer, der eines Tages im Nest seiner
Lieblingsgans ein goldenes Ei entdeckte. Zunächst dachte er, es müsse
sich um eine Täuschung handeln. Aber statt das Ei beiseite zu legen,
beschließt er, es schätzen zu lassen.
Das Ei ist aus reinem Gold. Der Bauer kann sein Glück kaum fassen. Am
nächsten Tag wiederholt sich das Ereignis und er staunt noch mehr. Tag
für Tag läuft er nach dem Erwachen zum Nest und findet ein goldenes Ei.
Der Bauer wird sagenhaft reich.
Aber mit dem wachsenden Reichtum kam auch die Gier und Ungeduld. Er
wollte nicht mehr geduldig von einem Tag zum anderen warten, bis sie
wieder ein goldenes Ei bekam.
Er beschloss, die Gans zu schlachten, damit er die Eier auf einmal bekäme.
Doch als er den Bauch der Gans aufschneidet, ist dieser leer. Nun hatte er
nichts weiter als eine tote Gans, die keine goldenen Eier mehr legen konnte.
12. Der Seuchengott
Einst saß ein alter, weiser Mann unter einem Baum, als der Seuchengott
des Weges kam. Der Weise fragte ihn:
"Wo gehst du hin?"
Und der Seuchengott antwortete ihm:
"lch gehe in die Stadt und werde dort hundert Menschen töten."
Einige Monate später kam der Dämon auf seiner Rückreise wieder bei
dem alten Weisen vorbei. Der Weise hielt ihn auf und sprach zu ihm:
"Du sagtest mir, dass du hundert Menschen töten wolltest. Reisende aber
haben mir berichtet, es wären zehntausend geworden."
Der Seuchengott gab zur Antwort:
"lch tötete nur hundert. Die anderen hat die Angst umgebracht."
13. Der Esel
Es war einmal ein Ehepaar, das einen 12jährigen Sohn und einen Esel
hatte. Sie beschlossen zu verreisen, zu arbeiten und die Welt kennen
zulernen. Zusammen mit ihrem Esel zogen sie los.
Im ersten Dorf hörten sie, wie die Leute redeten: "Seht Euch den Bengel
an, wie schlecht er erzogen ist... er sitzt auf dem Esel und seine armen
Eltern müssen laufen." Also sagte die Frau zu ihrem Mann: "Wir werden
nicht zulassen, dass die Leute schlecht über unseren Sohn reden" Der
Mann holte den Jungen vom Esel und setzte sich selbst darauf.
Im zweiten Dorf hörten sie die Leute folgendes sagen: "Seht Euch diesen
unverschämten Mann an... er lässt Frau und Kind laufen, während er sich
vom Esel tragen lässt." Also ließen sie die Mutter auf das Lastentier
steigen und Vater und Sohn führten den Esel.
Im dritten Dorf hörten sie die Leute sagen: "Armer Mann! Obwohl er den
ganzen Tag hart gearbeitet hat, lässt er seine Frau auf dem Esel reiten.
Und das arme Kind hat mit so einer Rabenmutter sicher auch nichts zu
lachen!" Also setzten sie ihre Reise zu dritt auf dem Lastentier fort.
Im nächsten Dorf hörten sie die Leute sagen: "das sind ja Bestien im
Vergleich zu dem Tier, auf dem sie reiten. Sie werden dem armen Esel
den Rücken brechen!" Also beschlossen sie, alle drei neben dem Esel
herzugehen.
Im nächsten Dorf trauten sie ihren Ohren nicht, als sie die Leute sagen
hörten: "Schaut euch die drei Idioten mal an. Sie laufen, obwohl sie einen
Esel haben, der sie tragen könnte!"
Fazit: Die anderen finden immer etwas zum kritisieren wenn sie wollen,
und es ist nicht einfach jemanden zu treffen, der Dich so akzeptiert wie
du bist. Deshalb: leb so, wie Du es für richtig hältst und geh, wohin Dein
Herz dich führt...
" Das Leben ist ein Theaterstück ohne vorherige Theaterproben. Darum:
singe, lache, tanze und liebe... und lebe jeden einzelnen Augenblick
deines Lebens... bevor der Vorhang fällt und das Theaterstück zu Ende
geht." (Charlie Chaplin)
Man sagt "es dauert nur eine Minute, um einen besonderen Menschen zu
erkennen, eine Stunde, ihn schätzen zu lernen, einen Tag um ihn lieb zu
gewinnen, aber ein ganzes Leben, ihn zu vergessen".
Geschichten bewirken sehr viel. Sie sprechen das Herz und nicht den
Verstand an und bleiben deshalb besser im Gedächtnis haften, als manch
anspruchsvoller philosophischer Text. Sie öffnen die Augen für die
poetische Welt der Fantasie, entspannen und motivieren auf eine
erfrischende Art. Sie zeigen, wie man mit Lebenswitz und Klugheit
bestehen kann. Sie haben etwas mit den Grundweisheiten zu tun, die alle
Völker dieser Welt miteinander verbinden.
1. Legen Sie sich eine Sammlung interessanter Geschichten und
Anekdoten zu.
Wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen: Bereiten Sie einige
spannende Geschichten zu Hause vor. Aus dem Stegreif
erfinden Sie Geschichten erst dann, wenn Sie schon einige Male
Gelegenheit hatten, die Reaktion der Zuhörer auf Ihre vorbereiteten
Anekdoten zu testen.
2. Überprüfen Sie: Passt Ihre Geschichte, Ihr Erlebnis, Ihre Anekdote zu Ihrer Zielgruppe?
Ein Bericht über ein Fußballspiel, dem Sie letzte Woche beiwohnten, wird
Nichtfußballer langweilen. Die Story von Ihrem Urlaub in Argentinien
dagegen stößt vielleicht auf offene Ohren.
3. Welche Botschaft wollen Sie vermitteln?
Überlegen Sie sich, bevor Sie anfangen: Wie endet Ihre Geschichte und
welche Erkenntnis, welche Botschaft wollen Sie mit ihr übermitteln?
4. Bauen Sie in den ersten Sätzen Spannung auf
Wenn Sie wollen, dass man Ihnen zuhört, müssen Sie Neugierde wecken.
Zu diesem Zweck werden Sie am Anfang ein Geheimnis, ein Rätsel oder
eine andere Überraschung ankündigen, die sich am Schluss Ihrer
Geschichte erfüllt.
5. Lassen Sie Menschen mit einer charakteristischen Eigenschaft auftreten
Dadurch können sich Ihre Zuhörer mit dem Helden Ihrer Erzählung
identifizieren. Sie können vergleichen und sich fragen: Würde ich an
seiner Stelle genauso reagieren?
6. Lassen Sie Hindernisse, Komplikationen oder Konflikte auftauchen
Wie viele Fernsehfilme wären langweilig, wenn die frisch Verliebten schnell
heiraten würden! Spannend wird es dadurch, dass beide z.B. aus
unterschiedlichen Schichten stammen.
7. Erzählen Sie nur, was für das Ende Ihrer Geschichte wirklich notwendig ist
Keep it short and simple. Abschweifungen zerstören die Spannung.
8. Vermeiden Sie Aufzählungen, bauen Sie stattdessen rhetorische Fragen ein.
Statt zu sagen: "Und dann passierte Folgendes..." sagen Sie: "Und wisst
ihr, was dann passiert ist...?" Solche Scheinfragen bauen Spannung auf
und laden zum Mitdenken ein.
Quelle:
Gerhard Reichel
Institut für Rhetorik
Goethestraße 1
91301 Forchheim,
Tel.: 09191/89501,
Fax: 09191/2801,
http://www.gerhardreichel.de.
Anmerkung der MLM-Infos Redaktion:
Falls Sie sich die Mühe ersparen wollen, Geschichten zu sammeln:
Folgende zwei Bücher enthalten insgesamt 398 Metaphern, Parabeln und
Anekdoten, Geschichten zum Nachdenken und Weitererzählen:
Der Indianer und die Grille
Der Philosoph und der Straßenfeger
zu bestellen unter
www.gerhardreichel.de
Gerhard Reichel, Institut für Rhetorik, Forchheim, hat sich in mehr als 30
Jahren einen exzellenten Ruf als Rhetorik-Trainer erarbeitet.
Unternehmer, Politiker und Führungskräfte schätzen das Know-how und
die Persönlichkeit des mehrfachen Buchautors und gefragten Referenten.
Sein 1975 gegründetes Institut für Rhetorik zählt mittlerweile zu den
ersten Adressen Deutschlands. Die Teilnehmer lernen, in Kleingruppen
souverän zu kommunizieren, lebendig zu reden und gehen damit als
Persönlichkeit gestärkt neue Wege.
in Kooperation mit dem Medienpartner MLM News