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  Warum die Lehrsätze aus der Antike noch immer modern sind Auf diese News antworten Dieses Thema drucken Dieses Thema mailen
Verfasst am 02-14-2007 10:19:48 pm von MLM-Infos.com
Fach News

Dialektik: Warum die Lehrsätze aus der Antike noch immer modern sind

Von der Antike bis ins Mittelalter galt die Dialektik als ein unverzichtbares
Fachgebiet jeder höheren Erziehung und Bildung. In unserer modernen
Welt wird diese alte Kunst jedoch häufig vernachlässigt oder sie wird
verfremdet genutzt, um in Gesprächen den „Gegner“ in die Enge zu treiben
und verbal mattzusetzen. In der Praxis kommen heute oft nur die
dialektischen Kunstgriffe zur Anwendung, während die ursprünglichen
Lehrinhalte der antiken Dialektik aus dem Blickfeld geraten. Dabei sind
diese heute aktueller denn je.

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02-14-2007 09:30:39 pm by MLM-Infos.com

Dialektik: Warum die Lehrsätze aus der Antike noch immer modern sind

Image

von Stéphane Etrillard, SECS, Düsseldorf

Von der Antike bis ins Mittelalter galt die Dialektik als ein unverzichtbares
Fachgebiet jeder höheren Erziehung und Bildung. In unserer modernen
Welt wird diese alte Kunst jedoch häufig vernachlässigt oder sie wird
verfremdet genutzt, um in Gesprächen den „Gegner“ in die Enge zu treiben
und verbal mattzusetzen. In der Praxis kommen heute oft nur die
dialektischen Kunstgriffe zur Anwendung, während die ursprünglichen
Lehrinhalte der antiken Dialektik aus dem Blickfeld geraten. Dabei sind
diese heute aktueller denn je.

In der Antike und im Mittelalter waren die sogenannten „freien Künste“
Teil einer jeden Gelehrtenausbildung. Die Wissensgebiete Grammatik,
Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Harmonielehre und
Astronomie bildeten gemeinsam die Basis einer höheren Bildung. Und
noch im Mittelalter waren sie die Vorbereitung auf das eigentliche
wissenschaftliche Studium an den Fakultäten der Theologie, Jurisprudenz
und Medizin und wurden dort in einer eigenen Fakultät, der Facultas
Artium, zusammengefasst. Diese Fakultät gilt als Vorläufer der
philosophischen Fakultät, die heute ihren Platz in nahezu jeder Universität hat.

Innerhalb der „freien Künste“ nimmt eine Disziplin eine gewisse
Sonderstellung ein: Es handelt sich dabei um die Dialektik. Unter
Dialektik versteht man im Allgemeinen die Kunst, ein geregeltes
(Streit-)Gespräch aus Rede und Gegenrede – oder eine wissenschaftliche
Auseinandersetzung mit These und Gegenthese – zu führen, das der
Erkundung der Wahrheit dient und zu einem schlüssigen Ergebnis gelangt,
womit die anfänglichen Meinungsverschiedenheiten aufgelöst werden. Bei
Isidor von Sevilla, einem bedeutendem Gelehrten des 6. und 7.
Jahrhunderts, der das Wissen der Antike in das Mittelalter trug und
maßgeblich das Selbstverständnis der mittelalterlichen Universitäten
prägte, liest man dazu: Die Dialektik sei eine Disziplin, „in der erörtert
wird, wie mit Bezug auf die Ursachen der Dinge oder die Sitten des
Lebens die Wahrheit zu suchen ist“; und die Dialektik hilft dabei, „in
schwierigsten Disputationen Wahres von Falschem zu unterscheiden“.

Mit dieser Charakterisierung wird die Dialektik im universitären Umfeld
zu einer Art Grundlagenfertigkeit im Umgang mit allen anderen
wissenschaftlichen Disziplinen, denn sie befasst sich mit den Fragen der
Erkenntnis, der Wahrheitssuche – und wird damit zur Basis jeder
Wissenschaft. Dieses Verständnis etablierte sich auch in den
Universitäten, und die Dialektik wurde zu einer methodischen
Grundausbildung, die allen anderen wissenschaftlichen Studien vorangestellt war.

Wirft man nun heute einen Blick auf einige der unzähligen verbalen
Auseinandersetzungen in der (medialen) Öffentlichkeit an, wünscht man
sich häufig, dass jeder, der an öffentlichen Gesprächsrunden teilnimmt, in
den Genuss einer solchen dialektischen Grundausbildung kommen sollte.
Doch auch fernab von der breiten Öffentlichkeit, im Privat- und vor allem
im Berufsleben wird das alte Grundwissen der Dialektik zu selten zurate
gezogen. In unserer Gesellschaft, in der Kommunikation eine
Schlüsselposition einnimmt, rücken die Dialektik und die Rhetorik, als
angewandte Dialektik, dennoch wieder in den Vordergrund – oder sollten
es zumindest. Denn immer und überall werden Gespräche oder
Auseinandersetzungen geführt, und unendlich viel Zeit und Energie wird
dadurch verschwendet, dass Menschen aneinander vorbeireden und
schlüssige Ergebnisse von Gesprächen bzw. Auseinandersetzungen
einfach ausbleiben. Die allgegenwärtigen Talkrunden in Funk und
Fernsehen – ganz gleich ob zwischen hohen Politikern oder streitenden
Nachbarn – sind und bleiben anschaulichstes Beispiel dafür. Wenn wir
ehrlich sind, kennen wir nicht minder drastische Beispiele oft auch aus
dem persönlichen Umfeld. Oft wird zwar intensiv um wahr oder falsch
gestritten, dass jede erfolgreiche und also konstruktive Gesprächsführung
bestimmten Regeln folgt, wird jedoch gern ignoriert. Dabei sind die
Grundgedanken der Dialektik sehr einfach und einprägsam:

Die erste Regel formulierte Platon: „Verhalte Dich nicht
egozentrisch.“ – Sie lässt sich mit dem simplen Gedanken der
Wechselrede konkretisieren: Die Parteien reden abwechselnd und
hören einander zu. Aus dem gegenseitigen Zuhören ergibt sich eine
zweite Regel: Die Parteien geben ausdrücklich an, wann sie
den Ansichten der jeweils anderen Partei widersprechen. Tun sie dies
nicht, gilt dieses Unterlassen als Zustimmung. So wird vermieden, dass
die Beteiligten aneinander vorbeireden. Damit die Parteien einander dann
überhaupt verstehen, gilt als dritte Regel: Die Gesprächspartner
drücken sich klar und eindeutig aus, um Missverständnisse möglichst zu
vermeiden. Und die letzte Grundregel lässt sich von Aristoteles
ableiten, der sagte: „Analysiere und argumentiere logisch.“ Sprich:
Widersprüche in der eigenen Argumentation oder zu dem, womit man
sich bereits einverstanden gezeigt hat, sind nicht zulässig.

Wer diese vier einfachen Spielregeln beherzigt, vermindert damit sofort
die Gefahr unerfreulicher und destruktiver Gesprächsverläufe. Und es
zeigt sich hier auch ganz deutlich, dass Dialektik also keineswegs dazu
da ist, die eigene Meinung möglichst verlustfrei durchzusetzen. Gerade
unter dem Stichwort Rhetorik findet dieses Missverständnis immer noch
Verbreitung. Ausgangspunkt eines „Streitgesprächs“ sind zwar meist
gegensätzliche oder wenigstens unterschiedliche Meinungen, doch Ziel ist
es nicht, die Meinung des Gegenübers als falsch und die eigene als richtig
darzustellen – und dieser Aspekt wird in der Gesprächspraxis allzu oft
vergessen. Ziel eines Gesprächs bleibt vielmehr die konstruktive
Verständigung über den Gegenstand der Meinungsverschiedenheit. Es gilt,
einen Ausgleich der Meinungen herzustellen, einen Konsens zu erzielen,
der für beide Parteien der Wahrheit gleich kommt.

Aus diesen Grundsätzen lässt sich nun auch für unsere moderne Zeit
eine Rhetorik ableiten, die nicht auf den rhetorischen Sieg bloß um des
Sieges willen abzielt, sondern stattdessen ganz und gar ausgerichtet ist
auf die erfolgreiche Verständigung der Gesprächspartner, die gemeinsam
die Wahrheit zu ergründen suchen. Und so sind auch die Mittel der
Rhetorik nicht in verbalen Finten, Spitzfindigkeiten, Vernebelungstaktiken
oder Totschlagargumenten zu suchen, sondern allein in der Überzeugungskraft
der persönlichen Argumentation, die sich einerseits in den schlüssigen
Inhalten niederschlägt, sich andererseits auch im guten Stil der
Gesprächsführung entfaltet. Denn ein Streitgespräch ist keine
Kampfansage, und die eigenen Argumente sind keine „Waffen“, mit denen
man den „Gegner“ bezwingt. Argumente – und genauso die
Gegenargumente! – sind viel eher als Stufen auf dem gemeinsamen Weg
zur Wahrheit zu betrachten. Mit jedem überzeugendem Argument nähert
man sich dem Konsens, der gegenseitigen Verständigung. Mit einer
solchen Art der Gesprächsführung kommt man nicht nur schneller und
besser zum Ziel, sie lässt zudem auf eine stilvolle und souveräne
Persönlichkeit schließen, die es nicht nötig hat, seinen Gesprächspartner
mundtot zu machen. Auch dieser Aspekt ist alles andere als unerheblich,
denn Gespräche, die auch in heiklen Situationen ein gewisses Niveau
beibehalten, führen seltener zu unnötigen Konflikten und sind daher zu
Recht als konstruktiv zu bezeichnen.

In unserer Zeit, die von der Vielfalt der Kommunikationsmöglichkeiten und
der Fülle kommunikativer Prozesse geprägt ist, ist eine Rhetorik der
Überzeugungskraft letztlich die einzige Chance, sich nicht dem stetig
steigenden Lärmpegel der Kommunikation zu unterwerfen und selbst
immer nur noch lauter, noch bunter, noch spektakulärer zu sein in der
Hoffnung, irgendwo Gehör zu finden. Die Rückbesinnung auf die sehr
praktikablen Grundregeln der Dialektik leitet den Blick auf die Qualität
unserer Kommunikation, auf den Erfolg unserer Gespräche, und nicht auf
das Aufsehen, das sie erregen. Und der Maßstab dafür kann nur die
gelungene Verständigung sein. Qualitativ hochwertige Gespräche, die
effektiv und erfolgreich verlaufen, dienen nicht der Selbstdarstellung,
sondern der Klärung und der Kommunikation von Inhalten. Ganz gleich,
ob es sich dabei um private Auseinandersetzungen, um berufliche oder
Fachgespräche handelt. Ein Gespräch, das stattdessen letztlich bloß dazu
führt, dass der Gesprächspartner eingeschüchtert oder in die Ecke
gedrängt seine Meinung aufgibt, ist in letzter Konsequenz immer ein
unsinniges und vor allen Dingen überflüssiges Gespräch, denn in der
Sache wird hier nichts geklärt. Und die Meinungsverschiedenheiten
bleiben weiterhin bestehen oder steigern sich nur noch. Gerade langfristig
gesehen, bleibt ein solches Gespräch ohne echtes Ergebnis und führt in
der Folge sogar häufig zu Konflikten oder Missverständnissen. – Und
überflüssige, ergebnislos verlaufende kommunikative Vorgänge gehören
nun zu den Dingen auf der Welt, auf die wir gerne verzichten können.

Deshalb ist es wichtig, die Qualität und Effektivität von Gesprächen und
Kommunikation nicht aus dem Blick zu verlieren, was bei den schier
grenzenlosen Kommunikationsmöglichkeiten unserer Zeit tatsächlich zu
einer reellen Gefahr geworden ist. Die aus der Antike stammenden
Grundsätze der Dialektik geben uns Hinweise darauf, wie wir dieser
Gefahr Einhalt gebieten können, und sie haben auch in unserer modernen
Gesellschaft weiterhin ihre volle Gültigkeit. Aufmerksamkeit, Fairness,
Klarheit im Ausdruck, Authentizität und schlüssige Inhalte waren damals
und sind auch heute die Eckpfeiler einer überzeugenden Gesprächsführung.

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