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Anmeldungsdatum: 14.09.2004
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Dialektik: Überzeugung und Überzeugungspsychologie
Stéphane Etrillard, Management Institute SECS, Düsseldorf
Von der Antike bis ins Mittelalter galt die Dialektik als ein unverzichtbares
Fachgebiet jeder höheren Erziehung und Bildung. In unserer modernen
Welt wird diese alte Kunst jedoch häufig vernachlässigt oder sie wird
verfremdet genutzt, um in Gesprächen den „Gegner“ in die Enge zu
treiben und verbal mattzusetzen. In der Praxis kommen heute oft nur die
dialektischen Kunstgriffe zur Anwendung, während die ursprünglichen
Lehrinhalte der antiken Dialektik aus dem Blickfeld geraten. Dabei sind
diese heute aktueller denn je.
Dialektik: Was wir von den Lehrsätzen aus der Antike noch immer lernen können
In der Antike und im Mittelalter waren die sogenannten „freien Künste“
Teil einer jeden Gelehrtenausbildung. Die Wissensgebiete Grammatik,
Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Harmonielehre und
Astronomie bildeten gemeinsam die Basis einer höheren Bildung. Und
noch im Mittelalter waren sie die Vorbereitung auf das eigentliche
wissenschaftliche Studium an den Fakultäten der Theologie, Jurisprudenz
und Medizin und wurden dort in einer eigenen Fakultät, der Facultas
Artium, zusammengefasst. Diese Fakultät gilt als Vorläufer der
philosophischen Fakultät, die heute ihren Platz in nahezu jeder
Universität hat.
Innerhalb der „freien Künste“ nimmt eine Disziplin eine gewisse
Sonderstellung ein: Es handelt sich dabei um die Dialektik. Unter
Dialektik versteht man im Allgemeinen die Kunst, ein geregeltes
(Streit-)Gespräch aus Rede und Gegenrede – oder eine wissenschaftliche
Auseinandersetzung mit These und Gegenthese – zu führen, das der
Erkundung der Wahrheit dient und zu einem schlüssigen Ergebnis
gelangt, womit die anfänglichen Meinungsverschiedenheiten aufgelöst
werden. Bei Isidor von Sevilla, einem bedeutendem Gelehrten des 6. und
7. Jahrhunderts, der das Wissen der Antike in das Mittelalter trug und
maßgeblich das Selbstverständnis der mittelalterlichen Universitäten
prägte, liest man dazu: Die Dialektik sei eine Disziplin, „in der erörtert
wird, wie mit Bezug auf die Ursachen der Dinge oder die Sitten des
Lebens die Wahrheit zu suchen ist“; und die Dialektik hilft dabei, „in
schwierigsten Disputationen Wahres von Falschem zu unterscheiden“.
Mit dieser Charakterisierung wird die Dialektik im universitären Umfeld
zu einer Art Grundlagenfertigkeit im Umgang mit allen anderen
wissenschaftlichen Disziplinen, denn sie befasst sich mit den Fragen
der Erkenntnis, der Wahrheitssuche – und wird damit zur Basis jeder
Wissenschaft. Dieses Verständnis etablierte sich auch in den Universitäten,
und die Dialektik wurde zu einer methodischen Grundausbildung, die
allen anderen wissenschaftlichen Studien vorangestellt war.
Wirft man nun heute einen Blick auf einige der unzähligen verbalen
Auseinandersetzungen in der (medialen) Öffentlichkeit an, wünscht
man sich häufig, dass jeder, der an öffentlichen Gesprächsrunden
teilnimmt, in den Genuss einer solchen dialektischen Grundausbildung
kommen sollte.
Doch auch fernab von der breiten Öffentlichkeit, im Privat- und vor allem
im Berufsleben wird das alte Grundwissen der Dialektik zu selten zurate
gezogen. In unserer Gesellschaft, in der Kommunikation eine Schlüsselposition
einnimmt, rücken die Dialektik und die Rhetorik, als angewandte
Dialektik, dennoch wieder in den Vordergrund – oder sollten es
zumindest. Denn immer und überall werden Gespräche oder
Auseinandersetzungen geführt, und unendlich viel Zeit und Energie
wird dadurch verschwendet, dass Menschen aneinander vorbeireden
und schlüssige Ergebnisse von Gesprächen bzw. Auseinandersetzungen
einfach ausbleiben. Die allgegenwärtigen Talkrunden in Funk und
Fernsehen – ganz gleich ob zwischen hohen Politikern oder streitenden
Nachbarn – sind und bleiben anschaulichstes Beispiel dafür. Wenn wir
ehrlich sind, kennen wir nicht minder drastische Beispiele oft auch aus
dem persönlichen Umfeld. Oft wird zwar intensiv um wahr oder falsch
gestritten, dass jede erfolgreiche und also konstruktive Gesprächsführung
bestimmten Regeln folgt, wird jedoch gern ignoriert.
Dabei sind die Grundgedanken der Dialektik sehr einfach und einprägsam:
1. Die erste Regel formulierte Platon: „Verhalte Dich nicht egozentrisch.“ –
Sie lässt sich mit dem simplen Gedanken der Wechselrede konkretisieren:
Die Parteien reden abwechselnd und hören einander zu.
2. Aus dem gegenseitigen Zuhören ergibt sich eine zweite Regel: Die
Parteien geben ausdrücklich an, wann sie den Ansichten der jeweils
anderen Partei widersprechen. Tun sie dies nicht, gilt dieses Unterlassen
als Zustimmung. So wird vermieden, dass die Beteiligten aneinander
vorbeireden.
3. Damit die Parteien einander dann überhaupt verstehen, gilt als dritte
Regel: Die Gesprächspartner drücken sich klar und eindeutig aus, um
Missverständnisse möglichst zu vermeiden.
4. Und die letzte Grundregel lässt sich von Aristoteles ableiten, der sagte:
„Analysiere und argumentiere logisch.“ Sprich: Widersprüche in der
eigenen Argumentation oder zu dem, womit man sich bereits
einverstanden gezeigt hat, sind nicht zulässig.
Wer diese vier einfachen Spielregeln beherzigt, vermindert damit sofort
die Gefahr unerfreulicher und destruktiver Gesprächsverläufe.
Und es zeigt sich hier auch ganz deutlich, dass Dialektik also keineswegs
dazu da ist, die eigene Meinung möglichst verlustfrei durchzusetzen.
Gerade unter dem Stichwort Rhetorik findet dieses Missverständnis
immer noch Verbreitung. Ausgangspunkt eines „Streitgesprächs“ sind
zwar meist gegensätzliche oder wenigstens unterschiedliche Meinungen,
doch Ziel ist es nicht, die Meinung des Gegenübers als falsch und die
eigene als richtig darzustellen – und dieser Aspekt wird in der
Gesprächspraxis allzu oft vergessen. Ziel eines Gesprächs bleibt
vielmehr die konstruktive Verständigung über den Gegenstand der
Meinungsverschiedenheit. Es gilt, einen Ausgleich der Meinungen
herzustellen, einen Konsens zu erzielen, der für beide Parteien der
Wahrheit gleich kommt.
Aus diesen Grundsätzen lässt sich nun auch für unsere moderne Zeit eine
Rhetorik ableiten, die nicht auf den rhetorischen Sieg bloß um des Sieges
willen abzielt, sondern stattdessen ganz und gar ausgerichtet ist auf die
erfolgreiche Verständigung der Gesprächspartner, die gemeinsam die
Wahrheit zu ergründen suchen.
Und so sind auch die Mittel der Rhetorik nicht in verbalen Finten,
Spitzfindigkeiten, Vernebelungstaktiken oder Totschlagargumenten
zu suchen, sondern allein in der Überzeugungskraft der persönlichen
Argumentation, die sich einerseits in den schlüssigen Inhalten
niederschlägt, sich andererseits auch im guten Stil der Gesprächsführung
entfaltet. Denn ein Streitgespräch ist keine Kampfansage, und die
eigenen Argumente sind keine „Waffen“, mit denen man den „Gegner“
bezwingt. Argumente – und genauso die Gegenargumente! – sind viel
eher als Stufen auf dem gemeinsamen Weg zur Wahrheit zu betrachten.
Mit jedem überzeugendem Argument nähert man sich dem Konsens, der
gegenseitigen Verständigung. Mit einer solchen Art der Gesprächsführung
kommt man nicht nur schneller und besser zum Ziel, sie lässt zudem auf
eine stilvolle und souveräne Persönlichkeit schließen, die es nicht nötig
hat, seinen Gesprächspartner mundtot zu machen. Auch dieser Aspekt
ist alles andere als unerheblich, denn Gespräche, die auch in heiklen
Situationen ein gewisses Niveau beibehalten, führen seltener zu
unnötigen Konflikten und sind daher zu Recht als konstruktiv zu
bezeichnen.
In unserer Zeit, die von der Vielfalt der Kommunikationsmöglichkeiten
und der Fülle kommunikativer Prozesse geprägt ist, ist eine Rhetorik
der Überzeugungskraft letztlich die einzige Chance, sich nicht dem stetig
steigenden Lärmpegel der Kommunikation zu unterwerfen und selbst
immer nur noch lauter, noch bunter, noch spektakulärer zu sein in der
Hoffnung, irgendwo Gehör zu finden.
Die Rückbesinnung auf die sehr praktikablen Grundregeln der Dialektik
leitet den Blick auf die Qualität unserer Kommunikation, auf den Erfolg
unserer Gespräche, und nicht auf das Aufsehen, das sie erregen. Und
der Maßstab dafür kann nur die gelungene Verständigung sein. Qualitativ
hochwertige Gespräche, die effektiv und erfolgreich verlaufen, dienen
nicht der Selbstdarstellung, sondern der Klärung und der Kommunikation
von Inhalten. Ganz gleich, ob es sich dabei um private Auseinandersetzungen,
um berufliche oder Fachgespräche handelt. Ein Gespräch, das
stattdessen letztlich bloß dazu führt, dass der Gesprächspartner
eingeschüchtert oder in die Ecke gedrängt seine Meinung aufgibt,
ist in letzter Konsequenz immer ein unsinniges und vor allen Dingen
überflüssiges Gespräch, denn in der Sache wird hier nichts geklärt.
Und die Meinungsverschiedenheiten bleiben weiterhin bestehen oder
steigern sich nur noch. Gerade langfristig gesehen, bleibt ein solches
Gespräch ohne echtes Ergebnis und führt in der Folge sogar häufig zu
Konflikten oder Missverständnissen. – Und überflüssige, ergebnislos
verlaufende kommunikative Vorgänge gehören nun zu den Dingen auf
der Welt, auf die wir gerne verzichten können.
Deshalb ist es wichtig, die Qualität und Effektivität von Gesprächen und
Kommunikation nicht aus dem Blick zu verlieren, was bei den schier
grenzenlosen Kommunikationsmöglichkeiten unserer Zeit tatsächlich zu
einer reellen Gefahr geworden ist.
Die aus der Antike stammenden Grundsätze der Dialektik geben uns
Hinweise darauf, wie wir dieser Gefahr Einhalt gebieten können, und
sie haben auch in unserer modernen Gesellschaft weiterhin ihre volle
Gültigkeit. Aufmerksamkeit, Fairness, Klarheit im Ausdruck, Authentizität
und schlüssige Inhalte waren damals und sind auch heute die Eckpfeiler
einer überzeugenden Gesprächsführung.
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